Wo bist du?

Arzt, 37 Jahre alt, wieder kein Photo ausgetauscht, dafür die Handynummer, falls etwas dazwischen kommt. Das Erkennungszeichen: wieder mein oranger Schal. Ich bin wie immer als gut erzogene Schweizerin zehn Minuten zu früh und bestelle mir schon mal an der Bar ein Glas Wein. Es soll ja nicht so aussehen, als ob ich verzweifelt auf jemanden warten würde. Amüsiert und gespannt nehme ich meinen ersten Schluck und spucke ihn fast wieder zurück ins Glas – einen Fusel, was die hier ausschenken, dabei soll das Forum doch eher eine In-Lokal sein. Meine gut bürgerlichen Manieren lassen mich aber auch das widerwärtigste Gesöff in der Öffentlichkeit herunterschlucken – Augen zu und runter damit.

SMS:

Sorry, komme halbe Stunde später, Notfall im Spital.

Ich:

Klar, kein Problem. Ich warte an der Bar.

Ach ja, Ärzte eben, deren ganzes Leben ist darauf ausgerichtet, Gutes zu tun – sehr beeindruckend und nobel. Ich nehme nochmals einen Schluck, würge ihn runter und blicke mich um. Zwei gut aussehende Männer bei einer Bierrunde etwas älter als ich, zwei von meinem Standpunkt aus gesehen sehr junge Banker, die sich Tapas teilen. Ich scheine hungrig zu wirken, denn die zwei bieten mir tatsächlich einen Happen an, den ich aber dankend und etwas errötend ablehne. Wie süss, ich könnte fast ihre Mutter sein und sie bieten mir ihr hart Verdientes Mal an – ich könnte sie drücken.

40 Minuten später. Ich immer noch an der Bar, mein Glas halb voll – das Teufelszeug ist echt ungeniessbar. Um nicht auszusehen, also ob ich total uncool warten würde, tippe ich wie wild auf meinem Iphone herum, bis auch das keine Option mehr ist.

Ich:

Ich warte draussen.

Schlotternd stelle ich mich vor die Tür, denn ich halte das neugierige und wertende Starren der anderen Barbesucher nicht mehr aus. Da friere ich lieber, als mich mitleidig begaffen zu lassen.

Ich:

Ich bin immer noch da, falls du noch kommst.

Nervös gehe ich auf und ab, vor Kälte zitternd, denn wieder trage ich nur ein Kleid. Keine Antwort. Langsam dämmert mir, dass ich wohl sitzen gelassen werde. Im Ernst? Keine Erklärung? Oder rettet dieser Gott in weiss gerade Leben und ich bin ungeduldig? Nach einer Stunde warten kann ich nicht mehr länger.

Ich:

Ok, ich fahre nach Hause. Bei dir alles ok?

Keine Antwort.

Das war vor einiger Zeit und ich frage mich bis heute, weshalb er wohl nicht gekommen ist. Oder war er etwa da und ist wieder gegangen, als er mich gesehen hat? War ich ihm zu dick, zu alt, zu wenig hübsch, zu…? An jenem Abend habe ich beschlossen, keinen Mann je so sitzen zu lassen. Ich lasse Männer nicht an der Kälte draussen verdursten, nein, ich habe Courage euch zu treffen, auch wenn ihr vielleicht nicht meinen Vorstellungen entsprecht. Ich werde da sein.

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Das erste Date

Einige Monate später und um viele Erfahrungen reicher. Das Anmeldeverfahren bei ElitePartner kam dem Aufwand einer Masterarbeit gleich, doch diese erste Hürde geschafft lag mir das Schlaraffenland zu Füssen. Einige hundert Männer, gross, klein, dunkel, blond, Handwerker oder Banker, tummelten sich auf der Spielwiese ElitePartner und warteten darauf erobert zu werden. No worries guys, here I come, um euch von diesem grauenvollen Los zu befreien! Ich fühlte mich wie ein Kind im Süsswarengeschäft, das sich zwischen all den bunten und überzuckerten Leckereien nicht entscheiden konnte. Ich war im Paradies.

Da ich Angst hatte, dass mich jemand erkennen könnte, was ja ziemlich peinlich werden könnte, habe ich selber kein Foto hochgeladen. Ich würde das Ganze mal anonym und unterschwellig testen. Deshalb konnte ich natürlich von niemandem erwarten, dass er mir sein Foto freischalten würde, was mir entgegen kam, da ich mir vorgenommen hatte, mich wertfrei in die inneren Werte eines Mannes zu verlieben und nicht in ein durchtrainiertes Sixpack. Naja, hätte der Auserwählte auch noch einen absolut knackigen Body, hätte ich nichts dagegen einzuwenden.

Als blutige Anfängerin in dieser Branche ging ich ganz pragmatisch und unerschrocken an diese Sache heran. Was hatte ich denn zu verlieren? Ich las mir einige Profile durch, bis ich bei einem in der Schweiz lebendem Südafrikaner hängen blieb. Die Exotik der Internationalität hat mich schon immer angezogen, weshalb also nicht Südafrika – ein Land wilder Tiere, geschichtlichem Interesse und das viele Möglichkeiten bietet, sich sozial zu engagieren (schon immer ein Traum von mir). Keine zehn Minuten nach meiner unglaublich eloquenten Email: „Interesting profile, do you want to meet?“ hatte ich eine positive Nachricht im Posteingang. Ein Kinderspiel…

Kurzer Einschub: Mit der Zeit musste ich allerdings feststellen, dass nur etwa 25 bis 50% der angeschriebenen Männer auch zurückschreiben. Für alle Frauen, die neu auf solchen Datingplattformen sind: Nehmt das nicht persönlich, es liegt nicht an euch! Ich habe es mir zur Angewohnheit gemacht, auf jede Anfrage zu reagieren, auch wenn es eine nette Absage ist, in der ich ihm alles Gute wünsche. Doch nicht alle sind so. Ende Einschub.

Der Tag meines ersten Dates. Ich überlegte den ganzen Morgen lang, was ich am Abend anziehen sollte. Jeans – klassisch, aber etwas salopp? Kleid – feminin, aber zu aufgetakelt? Brille oder doch lieber Kontaktlinsen, damit ich nicht als Maulwurf abgestempelt werde? Tages-Make-Up oder etwas mehr auftragen? Das sind alles Entscheidungen, mit denen wir Frauen täglich zu kämpfen haben. Wisst ihr Männer eigentlich, wie anstrengend es ist, ständig passend lackierte Nägel zu möglichst vorteilhaften Kleidern zu tragen, die klugerweise die Schokoladeseite von einem hervorheben und nicht die Problemzonen? Ganz genau, ihr habt keinen blassen Schimmer. Und wenn ich es mir dann mal zu Hause im Schlabberlook gemütlich mache, kommt garantiert mein Vater vorbei und sagt mit gerümpfter Nase: „Wie siehst du denn wieder aus?“ Ich sag euch, er spürt es förmlich, wenn ich mich nicht zurecht gemacht habe.

Aber zurück zu meinem Dilemma. Ich zog also ein graues Kleid, schwarze Stiefel und einen orangen Schal an, diesen als Erkennungszeichen. Ihn könne ich ganz leicht ausfindig machen, da er normalerweise der einzige Schwarze weit und breit sei. Na gut, das Kerlchen hat Humor, ein Pluspunkt. Ich wartete also gespannt an der Bar auf meinen dunkelhäutigen Prinzen, als mir plötzlich in den Sinn kam, wie man sich wohl an einem Blind-Date begrüsst. Halte ich ihm professionell und für die Schweiz üblich die Hand hin? Umarme ich einen Wildfremden mit innerlicher Distanz? Weiter kam ich nicht, denn da stand er, ein Mann dunkler Hautfarbe in Anzug und Krawatte und küsste mich wie gang und gäbe drei Mal auf die Wange und stellte sich als Greg vor. Auf die Idee hätte ich selbst kommen können!

Wir verliessen das Lokal ohne etwas zu bestellen, was mir super peinlich war und ich das dem Kellner mit einem entschuldigenden Augenaufschlag zu erkennen gab, um im Tibits essen zu gehen. Wir legten die kurze Strecke zu Fuss zurück, wobei ich vor Schreck fast stolperte. Ich konnte nicht glauben, was ich sah. Gregs Schuhe waren aus braunem Leder, was so weit ganz ok war, aber vorne unendlich lang spitz zulaufend. Ich weiss nicht, wie Männermodeexpertinnen darüber denken, aber mich erinnern solche Schuhe immer an Clowns-Latschen. Na gut, Fassung bewahren! Schliesslich sind Schuhe noch lange kein Auswahlkriterium.

Wir sassen uns also im Tibits gegenüber und sprachen über Afrika, Nashörner, die Schweiz, den Beruf, naja halt so die gängigen Erst-Date-Themen. Während ich versuchte eine halbwegs anständige Konversation in Gang zu bringen, blickte mein Date alle drei Minuten auf sein Natel, was mich verständlicherweise leicht irritierte. Ich müsse entschuldigen, aber es sei ihm wichtig die Börse für seine Kunden im Auge zu behalten. Echt jetzt? Ich war mal mit einem Arzt liiert, der zu jeder Tages- und Nachtzeit innerhalb von 20 Minuten in seiner Praxis sein musste, um Leben zu retten, dem ich volles Verständnis entgegenbrachte. Aber Aktienmärkte? Nicht dass ein Börsencrash auch Leben ruinieren könnte, aber ich hatte eine leise Vorahnung, dass an jenem besagten Abend wohl keine grossen Schwankungen beim Dow Jones vonstatten gehen würden… Und es kam noch besser. Als meine Begleitung dann auch noch sagte, dass man von jemandem, der in der obersten Steuerklasse sei, erwarten könne, 24 Stunden am Tag erreichbar zu sein, verschluckte ich mich fast an meinem vegetarischen Tatar. Obwohl ich zuerst googeln musste, ab welchem Einkommen man die Ehre hat, in der obersten Steuerklasse zu sein, war mir da schon klar, dass das erste auch das letzte Date mit Greg sein würde.

Nach wie vor suche ich keinen Sponsor für hochkarätige Diamant-Colliers (obwohl diamonds are a girl’s best friend, wie es so schön heisst), sondern einen Partner auf gleicher Augenhöhe, der mit mir lacht und weint, der mich braucht und für mich da ist, wenn ich ihn brauche und der nicht beim Vibrieren seines Handys in Ekstase gerät, sondern wenn er meine Liebe für ihn in meinen Augen erblickt. Ich bin so frei und suche mir eine neue Süssigkeit aus.

Orte der Begegnung

Plötzlich brummt mir der Schädel, weil ich so viele Gedanken über das Leben wälze. Was will ich eigentlich? Will ich weiterhin das kurzlebige Feuer einer Affäre und das schale Gefühl danach, oder möchte ich eine beständige Beziehung, die mir die Möglichkeit gibt, eigene Wurzeln zu schlagen? Gute Frage, muss es denn ein entweder oder sein? Kann ich nicht einfach „de Foifer und s Weggli“ haben? Freunde von mir sagen, ich hätte zu hohe Ansprüche? Hallo? Ist es etwa zu viel verlangt, wenn ich gern einen Mann hätte, der einen anständigen Lohn nach Hause bringt, belesen und gebildet ist, kocht, mit mir Wein trinkt und bis früh morgens philosophiert, meine hormonbedingten Gefühle stets versteht, sich mit mir sozial engagiert, sprich die Nashörner vor den Wilderern rettet, mit mir eine Familie gründet, meinen privaten Zoo akzeptiert und zwischen uns bis an unser Lebensende wild lodernde Funken aus Leidenschaft sprühen? Was bitte schön ist daran zu viel verlangt? Ich habe zum Beispiel kein Sterbenswörtchen über sein Aussehen gesagt. Ich brauche keinen George Clooney oder Brad Pitt. Obwohl nicht dass ich zu einem Sixpack nein sagen würde…

Eine Frage wäre also beantwortet: Ich möchte eine Beziehung, auch wenn ich vielleicht meine Erwartungen ein ganz klein wenig herunter schrauben muss. Da stellt sich natürlich die Folgefrage: Wie gehe ich das an?

Statistiken nach lernen sich immer noch die meisten Paare bei der Arbeit kennen. Doch unglücklicherweise arbeite ich in einer kleinen Firma, in welcher der Männeranteil zwar etwa 50% beträgt, doch ausnahmslos alle verheiratet sind. „Ja und?“, würde vielleicht manch einer fragen. Neiiiiin, alles schon gehabt und keine Bedürfnisse, das zu wiederholen. Vor einigen Jahren kam es zu einem Riesendrama, als ich aus Verzweiflung den Hörer nahm und einer Frau ganz nüchtern verklickerte, ich hätte eine Affäre mit ihrem Ehemann, nachdem mir dieser über Monate versprochen hatte, sich von ihr zu trennen. Na ja, ich glaube, wir alle können uns das Ende dieser Geschichte denken. Rauswurf des Mannes aus dem Familienhaus, finanzieller Ruin und ich hab mich möglichst unauffällig aus dem Staub gemacht. Was soll ich sagen? So reagieren charakterstarke Frauen auf leere Versprechen. Zu meiner Verteidigung: Ich war nicht seine erste Geliebte. Punkt. Abgeschlossen.

Also gut, als nächstes in den Statistiken kommen die Hobbys. Man macht einen Töpferkurs und so ganz urplötzlich steht Adonis in Person neben mir, der sich nur auf Grund meines Interesses am Töpfern unsterblich in mich verliebt. Seufz. Aber bleiben wir realistisch, erstens töpfere ich nicht und zweitens habe ich so weder im Fitnessstudio noch beim Spanischkurs je einen potentiellen Partner kennengelernt.

Tja, dann bleiben da noch die Partnervermittlungen. Diese werben damit, dass 40% ihrer Kunden ihren Partner fürs Leben finden. Das ist ja nicht mal die Hälfte. Was sind mit den anderen 60%, bekommen die ihr Geld zurück? Aber welche anderen Möglichkeiten bleiben mir, wenn wir bedenken, dass Männer in Bars den dünnbeinigen, flachbäuchigen Küken den Vorrang geben? Und wie wir bereits wissen, gehöre ich nicht zu dieser Gattung. Ich beschliesse also, mich da anzumelden, schliesslich muss man mit dem Fortschritt der Technik und somit der Kommunikation mitgehen. Männer auf ElitePartner, macht euch auf etwas gefasst! Ich komme!

Böses Erwachen

Eines Tages erwacht man einmal mehr verkatert von zu vielen Caipirinhas und neben einem unbekannten Mann und fragt sich, während man so leise wie möglich das Weite sucht, wie lange das noch so weiter gehen soll. Wie lange soll man noch die Nächte durchfeiern und irgend welche One Night Stands aufreissen, um die Leere in seinem Leben, die nicht einmal Katz und Hund ausfüllen, zu überspielen? Auf dem Nach-Hause-Weg von der fremden Wohnung erhascht man im Morgengrauen einen Blick seines Spiegelbildes in einem Schaufenster und realisiert, dass man beim besten Willen nicht mehr mit den 20 jährigen Küken mit schlanken Beinen und flachem Bauch, die ihren Champagner in den Trendbars von Zürich schlürfen, mithalten kann. Bum – k.o. geschlagen von der Realität. 35, Single und kein vernünftiger Lebensentwurf.

Einige Stunden später und ein paar Aspirin intus schwelge ich in der Badewanne in Erinnerungen, als ich noch jünger, attraktiver und faltenlos war. Damals dachte ich nur an Party und Sex, also an Männer, die mir die Flügel meiner Freiheit nicht stutzen würden – One Night Stands, Affären, Kurzzeitbeziehungen. Das Leben war voller Tanzmusik, Cocktails und Verehrer, Einsamkeit gab es da nicht. Heute sehne ich mich nach Geborgenheit, Zweisamkeit und Beständigkeit, hingegen habe ich den idealen Zeitpunkt für diesen Lebenswandel verpasst. Ein Blick in den Spiegel bestätigt meine Befürchtungen: Das Gesicht ist nicht mehr so glatt wie früher und an den Hüften haben sich jede Menge Schokolade und andere Leckereien breit gemacht. Den ganzen Tag in High Heels herumzustolzieren, das ist auch Geschichte. Heute schwellen mir die Füsse an und die schleichende Arthrose irgendwo zwischen den Mittelfussknochen und dem Sprunggelenk bringt mich fast um.

Doch damit nicht genug. Die Abende verbringe ich entweder allein, umgeben von Katz und Hund als Ersatz für die Liebe und Geborgenheit eines Mannes, oder in zu knappe Kleider gezwängt in einem Klub, um mir meine Seifenblase der Jugend nicht platzen zu lassen. Gefangen in der Einsamkeit dieser Abende dämmert mir, dass es wohl an der Zeit ist, mit dem leichtsinnigeren Jahrzehnt meiner Twentys abzuschliessen und die Mid-Thirtys aktiv zu gestalten. Es ist an der Zeit herauszufinden, was ich vom Leben erwarte, welche Ziele ich verfolgen möchte und herauszufinden, was für mich Glück bedeutet.